Kharkiv, Ukraine

Alexey Borisov ist kein Kriegskünstler. Und doch ist seine Kunst untrennbar mit dem Krieg verbunden.

Geboren 1965 in Russland, lebt und arbeitet Borisov seit vielen Jahren in Kharkiv, Ukraine. Als die russische Invasion begann, stellte er das Zeichnen nicht ein – er begann jeden Tag zu zeichnen. Über 400 Werke sind in dieser Zeit entstanden, viele davon während Stromausfällen, Angriffen oder im Schutzkeller. Seine Linien wurden direkter, roher, dringlicher. Im März 2025 zeigte die Semigradsky Gallery in Kharkiv über 400 dieser Arbeiten – eine gewaltige visuelle Chronik des Kriegsalltags, voller Wut, Ironie, Trauer – aber auch voller Leben.

Ich durfte Alexey in seinem Zuhause besuchen, begleitet von Katerina, einer Mutter aus meinem ersten Projekt über die unterirdische Kinderschule „Aza Nizi Maza“. Zwischen Teetassen und Zeichenmaterial erzählte er von seinem Alltag als Künstler im Ausnahmezustand. Vom Raketenangriff, der wenige Meter vor seinem Haus einschlug. Von seinen Anfängen als Künstler – damals, als Kind, zeichnete er ausschließlich deutsche Soldaten, weil er ihre Uniformen „schöner fand“ als die sowjetischen. Und vom Gefühl, nicht mehr in einem Land, sondern in einem Zustand zu leben.

Seine Kunst ist kein bloßes Reagieren auf den Krieg, sondern ein fortlaufender Reflexionsprozess. Manche Werke wirken wie Skizzen, andere wie Anklagen. Einige bestehen aus wenigen Strichen, andere aus dichten Schichtungen. In jedem von ihnen liegt eine Spannung: zwischen Nähe und Abstraktion, Dokument und Emotion.

Später begleite ich Alexey zu einer Ausstellung seines engen Freundes Boris Mikhailov im Yermilov Center – einer Ikone der ukrainischen Fotografie. Auch hier zeigt sich: Kunst in Kharkiv ist mehr als Ausdruck. Sie ist Widerstand. Kommunikation. Überleben.

Dieses Kapitel ist Teil meines übergeordneten Projekts „Was macht Kunst mit Krieg?“, in dem ich untersuche, wie Kunst auf Krieg reagiert – und wie sie gleichzeitig neue Perspektiven auf das Geschehen eröffnet. Neben Alexey porträtiere ich auch zwei Kunstschulen und eine Ausstellung. Gemeinsam erzählen diese Geschichten von Menschen, die mit Pinsel, Kamera und Farbe gegen das Verstummen anarbeiten.